Zu kühles Ambiente beim Ambientfestival in der Basilika St.
Aposteln
20.01.2012
Zwei
Worte sind in den letzten Jahren im Bereich entspannender Musik
doch sehr überstrapaziert worden. Zum einen das Wort „Lounge“,
großer Gott, man kann die vielen Compilations, die sich mit diesem
Wort „schmücken“, gar nicht zählen und ähnlich schlimm verhält es
sich mit dem Wort „Ambient“. Während „Lounge“ nach schicken und
Rock 'n' Roll-unfähigen Menschen riecht, haftet dem Wort „Ambient“
so ein verstrahltes Körnerfresser-Image an. Ihr wisst schon, so
Typen, die die in jedem zweiten Satz „berührt“ und „echt“ einbauen
und bei Dr. House körperliche Schmerzen erfahren.
Aber jetzt genug der Klischees, all das konnte mich und meine Frau
nicht davon abhalten, am Freitag in der Basilika St. Aposteln,
das ist die Kirche am Neumarkt / Ecke Mittelstraße, das
Ambientfestival zu besuchen, obwohl das Festival als
Untertitel auch noch die Zeile „Zivilisation der Liebe No. 7“
trug. Au weia, geht’s eigentlich noch????
Das Festival,
welches noch bis Sonntag läuft, hatte für Freitag folgendes Line-Up:
DJ Klaus Fiehe, dann der Brite Greg Haines und
zum Schluss der Franzose Sylvain Chauveau. Von
Chauveau hatte ich schon etwas gehört, denn 2005 hatte dieser
sich auf dem Album „Down to the Bone" Songs von
Depeche Mode angenommen. Ein wirklich interessantes Album, wo
es Chauveau gut gelingt, die oftmals bombastischen Songs
der Synthi-Popper zu skelettieren und klassisch neu zu
arrangieren. Heute würde davon aber wohl nichts zu hören sein,
denn eigentlich ist der Franzose unter dem Namen Project 0
(sprich Zero) am diesjährigen Festival beteiligt.
DJ Klaus Fiehe
Kurz vor 21 Uhr sind wir an der Basilika, aber die Tore sind
noch verschlossen. Vor der Kirche ist ein Stand aufgebaut, an dem
es Glühwein, Bier und Sekt gibt. So lässt sich das Warten im
Schmuddelwetter (es ist gerade eine Regenpause) gut ertragen. Kurz
nach 21 Uhr öffnen dann die Pforte und man vernimmt schon von
Außen immer wieder vereinzelte Töne, die DJ Klaus
Fiehe auflegt. Herr Fliehe, der bei
1Live auch als Moderator tätig ist, legt Sounds auf, die den
Namen Ambient wirklich verdient haben. Hypnotisierende
Dauerschleifen mit Geräuschsprengseln und Vogelgezwitscher, das
ist mir doch etwas zu harmonisch und einschläfernd, aber Gott sei
Dank ist die Kirchenbank ja hart.
Die Kirche ist sehr
schlicht ausgestattet, wie es sich für eine romanische Kirche
gehört, für heute Abend wird sie in rosa und violett illuminiert,
das hatte ich mir aber nach Betrachtung der Galeriebilder unter
http://ambientfestival.de etwas spektakulärer vorgestellt. Die
Zuschauer haben die Möglichkeit, sich vorne auf dem Boden oder in
den Bänken der Basilika breit zu machen, vorne war leider schon
alles voll, so blieb uns also nur das Sünderbänklein. Nach etwa 30
Minuten ist DJ Fiehe fertig und ich bin hundemüde, weil
das schon sehr einschläfernd war, was der Solinger , der sonst
auch schon mal wesentlich aufregendere Sachen in seiner Sendung „1Live
Fiehe“ präsentiert, an diesem Abend aufgelegt hat.
Als Greg Haines die Bühne betritt, bin ich erst mal
erstaunt, wie jung der Brite zu sein scheint - jetzt verstehe ich,
weswegen er im Prospekt zum Festival als
„Minimal-Classic-Wunder-Kid“ beschrieben wird. In seiner
Biographie auf seiner Homepage steht, dass er in den 80er geboren
wurde, na dann ist er aber doch nicht mehr sooo jung wie er
ausschaut, aber auf jeden Fall deutlich jünger als der Großteil
des Publikums ;-)
Live in Berlin 2011
Greg Hainesbeginnt sein Konzert damit,
dass er in ausufernder Langsamkeit einzelne Töne auf dem Klavier
anschlägt und diese im weiten Raum der Kirche verstummen lässt,
ehe er den nächsten Ton anschlägt. Neben dem Klavier dient ihm ein
Laptop dazu, elektronische Soundgebilde zur Unterstützung seiner
subtilen Kompositionen einzusetzen ,die sich auf epische Dauer
(mind. 10 Minuten) entfalten und an Fahrt gewinnen. An den Wänden
der Basilika begleiten an das wechselnde Tempo des Stückes
angepasste Projektionen die Darbietung des Künstlers. Da steigen,
fallen und fließen Partikel an den alten Kirchengemäuern und es
funktioniert wirklich, dass man sich dann stellenweise in der
Musik verliert. Der Vortrag des mittlerweile in Berlin lebenden
Briten gefällt uns beiden gut, ABER …
Leider ist aber etwas
ziemlich unangenehm hier in St. Aposteln, denn es zieht
so dermaßen, dass mir meine Knie und Unterschenkel kurz vor dem
Erfrieren erscheinen, da hilft auch nicht der um die Extremitäten
gewickelte Schal meiner Gattin, so kann man sich dieser Art von
Musik nicht widmen. Das Ambiente der Kirche ist für den Klang
dieser Art Musik hervorragend geeignet, aber leider nicht für
unser Wohlbefinden.
Greg Haines
Nach 45 Minuten ist Pause und wir gehen nach draußen, um uns
mit einem Glühwein wieder aufzuwärmen, eigentlich hätten wir noch
gerne die Darbietung des Franzosen genossen, weswegen wir ja
eigentlich gekommen waren, aber der Glühwein half leider auch
nicht und so entschlossen wir uns, in der Pause zu gehen.
Trotzdem verbuche ich den Abend als gelungen ab, denn am Tag
danach habe ich mir bei Amazon für lächerliche 3,36 EUR
das Album „Until the Point of Hushed Support“ von
Greg Haines gekauft und zu Hause auf hochwertiger Anlage und
mit warmen Knien funktionieren die hypnotischen Klanggebilde ganz
prima.