Vor einigen Monaten machte mich ein Artikel in der Zeit auf die
von Thomas Bönig ins Leben gerufene etwas andere
Stadtführung "Kulturklüngel" aufmerksam. Die Ziele sind nicht die bekannten Kölner
Schönheiten wie Dom und Altstadt, sondern Orte, an denen „fremde“
Kulturen in der rheinischen Metropole ihr Zuhause gefunden haben.
So bietet der weitgereiste Bönig auf seiner Website
www.kulturkluengel.de beispielsweise
Kulturwanderungen durch das indische, afrikanische oder türkische
Köln an. Da unser Team immer offen und interessiert ist, waren
sofort alle Feuer und Flamme und es wurde Kontakt mit den
Kulturklünglern aufgenommen.
Wir entschieden uns für eine
Tour mit dem Schwerpunkt Asien, die Herr
Bönig für uns individuell zusammenstellen wollte. Der Fokus
sollte auf Indien liegen, auch wenn die bisherige Führerin
Anupama Smarzoch für diese Tour leider nicht mehr zur
Verfügung stand, da sie sich mittlerweile wieder in Mumbay
(Bombay) nieder gelassen hatte. Die Tour würde etwa dreieinhalb
Stunden dauern, für maximal 25 Personen vierhundert Euro kosten
und von Herrn Bönig selbst geführt werden. Treffpunkt:
Samstag, den 15. Januar 2011 um 10:30 im
Rautenstrauch-Joest-Museum.

Das Wetter meinte es gut mit uns. Milde 10 Grad und endlich mal
kein Regen, also alle Voraussetzungen ideal, um einen
interessanten und hoffentlich abwechslungsreichen Vormittag zu
erleben. Herr Bönig empfing uns im Empfangsbereich des
Museums der Kulturen, der mit einem gigantischen Reisspeicher aus
Indonesien das passende Ambiente für den Start unserer Tour
lieferte. Der Reisspeicher stammt von der Insel
Sulawesi und wurde um 1935 aus Holz,
Bambus und Rotang gefertigt. Er ist mit prächtigen Schnitzereien
versehen und wirkt eher wie ein Kunstwerk als ein Raum, der
schlussendlich ja nur zu Lagerungszwecken dient. Kein Vergleich zu
den baulich durchaus ähnlichen Getreidespeichern des europäischen
Kulturkreises der damaligen Zeit und natürlich schon gar nicht zu
den heutigen blitzblanken Metallsäulen, die heute diesem Zwecke
dienen.
Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Bönig
geht es dann also los. Erstes Ziel, der Asien Bazar
von Mr. Singh in der Fleischmengergasse direkt
hinter dem Neumarkt. In dieser Ecke Kölns hat sich die indische
Gemeinde Köln zusammengefunden. Hier gibt es zahlreiche asiatische
Lebensmittelgeschäfte, Restaurants oder Bekleidungsgeschäfte und
auch ein Konsulat, wo man sich ein Visum für Indien holen kann,
ohne nach Frankfurt zur indischen Botschaft reisen zu müssen.
Mr. Singh stammt aus dem
Punjab, lebt aber nun schon seit 21
Jahren in Deutschland und spricht perfektes Deutsch. Sein
Geschäft ist bunt und wie erwartet duftet es herrlich anders als
in einem deutschen Supermarkt. Er hat ein unglaubliches
Angebot an Reissorten. Wir zählen mehr als 30 Sorten und die
kleinste Konfektionsgröße ist ein 5 Kilo Sack. Wir bestaunen die
bunte Vielfalt der Säcke, während uns unser Reiseführer erklärt,
wie mühsam es ist, Reis anzupflanzen und was der Unterschied
zwischen Trocken- und Nassreis ist. Ganz hinten im Laden des Herrn
Singh ist das kölsche Mekka des Bollywoodfilms.
Zahlreiche DVDs mit diesen indischen „Musicals“, meist wie es sich
geziemt in epochaler Länge, kann man hier erwerben. Dass Herr
Singh ein großer Fan des Hindi-Films ist wird klar, als ihn
Herr Bönig auf das Plakat an der Eingangstür anspricht,
wofür heute die Premiere eines neuen Kassenschlagers mit großen
Stars des Subkontinents angekündigt wird, denn das Leuchten in
seinen Augen verrät ihn.

Nächste Station ist das Kalari-Köln, das
sich etwas vollmundig Zentrum für Kalaripayattu, Yoga
und ayurvedische Kalari Massage nennt.
Kalari ist eine ganzheitliche Verbindung
aus Yoga, Kampfsportelementen und indischer Heilkunst. Unser
Lehrer für den heutigen Tag ist Raju Karamban, der aus
dem südindischen
Kerala stammt und dort im Alter von 10
Jahren begann, Kalari zu trainieren. Mittlerweile bestand
er alle vier Stufen des Kalaripayattu (Malayalam für
„Kampfplatzübung“) und unterrichtet seit seinem zwanzigsten
Lebensjahr diese Kampfkunst Indiens. Was sofort ins Auge
sticht, ist, mit welcher Leidenschaft Raju
sich der Philosophie des Kalari verschrieben hat. Dieser
Mann glüht förmlich, als er uns das Prinzip seiner Leidenschaft
ans Herz legen will. Leider ist sein Deutsch noch ausbaufähig, es
erinnert mich stark an einen Taxifahrer aus Delhi, der mit Händen
und Füßen und schwer verständlichem (in Bezug auf die Aussprache)
Englisch alles daran legt, die Fahrt zu bekommen. Auf der Homepage
des Zentrums lese ich, dass Raja jetzt seit mehr als 10
Jahren in Köln lebt und kann nicht umhin darauf hinzuweisen, dass
er vielleicht auch etwas mehr Energie in die deutsche Sprache
legen sollte, denn schließlich ist die Sprache das beste Mittel,
um Menschen für etwas zu begeistern ;-)

Aber genug der
Kritik, denn Raja schafft es trotz Sprachbarriere uns zu
vermitteln, um was es ihm geht und es macht Spaß in großer Gruppe,
wir sind immerhin 21 Leute, einfache einführende Yoga-Übungen
und Atemtechniken zu absolvieren. Zu indischen Klängen gibt uns
Raja am Ende dieser Station noch eine kurze Demonstration
des Kalari. Seine Bewegungen sind fließend und
geschmeidig und es ähnelt eher einem ästhetischen Tanz als einer
Kampfsportart.
Falls Sie auch mal eine Kulturklüngeltour
machen wollen, gebe ich Ihnen schon jetzt als Geheimtipp den Rat,
ein paar Hausschuhe oder dicke Socken einzupacken, denn Schuhe
ausziehen war nicht nur auf dieser Station erforderlich und manch
einer, z. B. ich, bekommt schnell kalte Füße – nicht im
übertragenen Sinne gemeint.

Next Stop, Dêrsim -Gemeinde.
Zu Beginn hatte ich und vermute auch alle anderen Teilnehmer der
Tour keine Ahnung, was sich hinter dem Begriff „Dêrsim “
verbirgt, aber das sollte sich schnell ändern. Begrüßt werden wir
von einer Deutschen, Frau Nadja Thelen-Khoder, die seit
etwas mehr als einem Jahr das Büro der Gemeinde in Köln führt. Wie
man es auch aus der Türkei gewohnt ist, werden wir mit einem Tee
begrüßt, ehe uns die Gastgeberin erläutert, was hinter Dêrsim
und diesem Büro in der Bobstraße steckt.
Dêrsim
ist eine Region im Zentrum der Türkei, die heute nur noch unter
der Bezeichnung „Tunceli“
auf der Landkarte zu finden ist. Das Gebiet ist etwa 7.700 qm groß
und befindet sich im Siedlungsgebiet der Kurden (Kurdistan), im
anatolischen Hochland. Das historische Dêrsim bekannte
sich mehrheitlich zum alevitischen Glauben (
http://de.wikipedia.org/wiki/Aleviten ) und sprach
größtenteils Zazaki. Ein kleiner Teil der Aleviten
sprach Kurmandschi. Damit unterschieden sich die Bewohner
Dêrsims sprachlich und religiös von den sunnitischen
Kurden (
http://de.wikipedia.org/wiki/Sunniten ) der benachbarten
Provinzen.
Derzeit leben etwa 84.000 Menschen in dieser
Region. Sehr viele Menschen flohen aus dieser Region, nachdem
unter Mustafa Kemal Atatürk (
http://de.wikipedia.org/wiki/Atat%C3%BCrk ), der 1923 aus dem
Vielvölkerstaat die heutige Türkei formte, eine
Gleichschaltungspolitik betrieben wurde, die den Menschen sogar
ihre ursprüngliche Sprache verbot und mit Gefängnis bestrafte.
Heute leben etwa 10.000 Vertriebene in Köln und der näheren
Umgebung.
1937 kam es schließlich zu gewalttätigen
Aufständen, bei denen 65.000 bis 70.000 Menschen ihr Leben
verloren. Die Regierung schlug die Revolte mit massiver
Gewalt nieder und zahlreiche Bewohner Dêrsims wurden aus
ihren Dörfern vertrieben. Heute bedrohen Stausee-Projekte am
Munzur die noch erhaltenen Dörfer der Region und Frau
Thelen-Koder zeigt uns Fotografien von überfluteten Häusern
aus dem Gebiet.

Soweit die Fakten, die wir natürlich erst mal so hinnehmen
müssen, denn wie gesagt, hatten wir bisher keinerlei Background zu
dieser Thematik, deswegen finde ich es auch etwas unpassend, dass
wir als nächstes eine Unterschriftliste unter die Nase gehalten
bekommen, auf der wir doch bitte unterschreiben sollen. Hier wäre
es sicher angebrachter gewesen, wenn man etwas passiver
vorgegangen wäre und zum Beispiel darauf hingewiesen hätte, dass
man ggf. seine Unterstützung auch im Nachhinein, z. B. über das
Internet (
http://www.gfbv.de/emailprot.php?id=100&stayInsideTree=1 )
kundtun kann, so hatte es leider etwas den Beigeschmack einer
Verkaufsveranstaltung.
Überhaupt sollte der Verein etwas
mehr Augenmerk auf allgemeingültige Marketinggrundsätze legen.
Info-Flyer in einer unverständlichen Sprache sind ziemlich
kontraproduktiv gegen das Vergessen. Zwar versicherte uns Frau
Thelen-Koder, dass man bereits daran arbeite, aber da der
Verein ja doch schon einige Zeit besteht, ist dies leider nicht
ganz nachvollziehbar. Dass es auch anders geht, zeigt übrigens die
Homepage des Vereins (
http://www.dersimweb.de ), die dem Besucher in 6 Sprachen zur
Verfügung steht. Ebenso wäre es natürlich schön gewesen, wenn bei
unserem Besuch auch ein Angehöriger der Dêrsim vor Ort
gewesen wäre, so hätte man mit Sicherheit die Dringlichkeit und
Authentizität des Vortrages erhöhen können.

Für unseren nächsten Kulturstopp tragen uns unsere Füße bis zum
Rathenauplatz, wo uns ganz in der Nähe die Welträume von
Sabine Heineken erwarteten. Die Betreiberin hatte 23 Jahre
lang eine Galerie für Textilkunst, Schmuck und Ethnographica aus
Indien, Indonesien, Thailand und Laos unter dem Namen „Morgenland“,
ehe sie 2004 die Welträume ins Leben
rief. Diese Räume dienen nicht nur als Ausstellungsfläche für
erlesenes Asiatika, sondern werden auch für kulturelle
Veranstaltungen (Yoga-Kurse, Ethnojazz, Tanzveranstaltungen)
genutzt.
Frau Heineken führt uns souverän durch
ihre Ausstellung, die sich teilweise auch in ihren Privaträumen
befinden und neben Fakten zu den Exponaten erzählt sie auch
interessante Anekdoten, die verdeutlichen, dass man es hier mit
einer weitgereisten Person zu tun hat. So entpuppt sich z.
B. ein auf den ersten Blick „unscheinbares“ Textil als Meisterwerk
der Batikkunst und ein Drache an der Wasserleitung als gut
getarntes Reismesser. Absoluter Blickfang ist natürlich
das wunderschöne, aber auch sehr raumfordernde chinesische Bett,
welches ich am liebsten mal ausprobiert hätte. Auch die bunten
Drachenfiguren die bei Zeremonien (z. B. Hochzeit und
Beschneidung) dazu dienen die Hauptakteure würdevoll zum Ort des
Geschehens zu geleiten, finden großes Interesse und die Damen
unserer Gruppe beäugen natürlich den kostbaren Schmuck in den
Auslagen.

Da wir der Zeit schon etwas hinterherlaufen machen wir uns zügig
auf, um mit der KVB zur Lohsestraße zu fahren, wo uns
bereits im Keizankai Dojo, Meister
Luciano Gabriel Morgenstern, erwartet. Im
Keizankai in Köln-Nippes wird unter
anderem Mugai Ryu Iaihyoudo, die authentische Kampfkunst
der Samurai mit dem
Katana (japanisches Langschwert),
gelehrt. Meister Morgenstern, der diese Kampfkunst seit
mehr als 12 Jahren praktiziert, gibt uns einen Einblick in
Philosophie und Technik dieser faszinierenden Sportart.
Er verdeutlicht plausibel und sehr charismatisch, warum
Samurais in ihrer Bewegung eher
gleiten bzw. den Körper nach vorne schieben und somit eher
schlurfen, anstatt die Füße zu heben – jeder erinnert
sich sicher an den ermahnenden Satz seiner Mutter „Kind heb
doch die Füße hoch und schlurf nicht so!“ Diesen Satz sollten
Sie schnellstens vergessen, wenn Sie eine Karriere als
Samuraikämpfer anstreben. Während er Einblicke in seine Motivation
für diese Kampfkunst gibt und uns von seinen Lehrjahren in China
und Japan erzählt, üben seine Schüler und Schülerinnen im
Hintergrund fleißig mit dem Schwert. Was relativ einfach aussieht,
ist es nicht, denn jede Stellung ist in Winkel und Position exakt
vorgegeben und beruht auf wissenschaftlichen Untersuchungen
bezüglich der Effektivität. Die Atmosphäre im Trainingsraum ist
meditativ und strahlt eine enorme Ruhe aus, ebenso wie die Stimme
des Meisters, der ich noch Stunden hätte zuhören können.

Zum Schluss dürfen noch zwei Teenager aus unserer Gruppe ein paar
praktische Übungen mit dem Meister und einem seiner Schüler
ausführen. Natürlich wird dabei nicht mit dem echten Katana
trainiert, sondern mit einer stumpfen Holzvariante, mit der man
aber auch vorsichtig hantieren muss, denn auch diese
Trainingswaffe kann schwere Verletzungen hervorrufen. Wie man den
Beiden ansieht, erfordern schon diese einfachen Einstiegsübungen
ein hohes Maß an Konzentration und Körperkoordination, aber die
Beiden haben das natürlich super gemacht.
Dann ist
Feierabend, es ist auch schon nach 14.30 Uhr und unsere Mägen
hängen in den Kniekehlen, da Herr Bönig dies vorausahnte,
hat er mit unserer Zustimmung bereits veranlasst, dass das
chinesische Restaurant Lei Lei am Hansaring
extra für uns schon am Nachmittag seine Pforten öffnet. Mein
erster Eindruck ist etwas enttäuschend, weil ich ja eher
traditionelles chinesisches Ambiente mag, aber was Lei Lei
dann frisch zubereitet auf den Tisch bringt, lässt mich vergessen,
dass das Ambiente hier sehr cool durchgestylt ist. Es schmeckt
einfach wunderbar! Übrigens nicht nur mir, sondern unsere ganze
Gruppe ist sehr angetan von Lei Lei’s Kochkünsten und
sogar K. vergisst dann allmählich ihren Unmut über die
etwas längere Wartezeit. Aber wie sagt auch der Restaurantkritiker
im Fernsehen immer: „Lieber eine kleine Karte und frisch, als
riesige Auswahl und schnell“. Letzteres spricht natürlich für
Mikrowellenkochkunst und die gab es hier ganz ganz sicher nicht.

Abschließend noch ein kleines Fazit zur Tour: Ein gelungener Tag,
alle Protagonisten unserer Stationen zeigten eine lodernde
Leidenschaft für ihren Beruf und sogar unsere Kinder waren
begeistert, weil sie viele neue Einblicke erhalten haben. Sicher
nicht unsere letzte Kulturklüngeltour – ich denke Afrika in Kölle
sollte man auch mal näher kennenlernen ;-).
Autor: UR
Fotografie: UR, TW-------------------------------------------------
Quellen / Weitere Informationen:
+ Kölner Kulturklüngel:
http://www.kulturkluengel.de/
+ Museum der
Kulturen:
http://www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joest-museum
+ Reis, eine Kulturpflanze:
http://de.wikipedia.org/wiki/Reis
+ Kalari
Köln:
http://www.kalari-koeln.de/kalari1280.html
+
Dêrsim -Gemeinde Köln e. V.:
http://www.dersimweb.de
+ Die Region „Dêrsim“:
http://de.wikipedia.org/wiki/Tunceli_%28Provinz%29
+
Welträume Köln:
http://www.weltraeume-koeln.de
+ Keizankei
Dojo Köln:
http://www.iaido-koeln.de
+ Chinesisches
Restaurant Lei Lei:
http://www.leilei.de
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