Leseratte: Buchbesprechungen [Mai 2012]

"Die Landkarte der Zeit  (2011) 
                  von Félix J. Palma   

Schon immer faszinieren mich Romane über Zeitreisen! Als Kind begeisterte mich „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells, der Roman, der sich als erstes, bereits 1895 erschienen, mit dem Phänomen der 4. Dimension auseinandersetzte. Ich liebe noch heute die erste Verfilmung (1960 unter der Regie von George Pal) mit Rod Taylor in der Hauptrolle und sah mir natürlich auch die letzte 2002 „The Time Machine“ von Simon Wells, einem direkten Nachfahren von H. G. Wells, an. Mich begeistert die Zeitreisengeschichte vom „Planet der Affen“, natürlich bin ich im Besitz der kompletten DVD-Box und der Roman „Die Frau des Zeitreisenden“ von Audrey Niffenegger ist eines meiner Lieblingsbücher, und nun gehört auch das Werk „Die Landkarte der Zeit“ des Spaniers Félix J. Palma zu dieser Liste.

In seinem Abenteuerroman, ganz in der Tradition von Jules Verne, erzählt Palma mehrere kunstvoll miteinander verwobene Geschichten, die ursprünglich im Jahre 1896 datiert sind. Das Jahr, in dem der Roman „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells in London in aller Munde ist und eine neue Literaturgattung, der Science-Fiction-Roman, seine Geburtsstunde erfährt.

Die Landkarte der Zeit“ ist ein Liebesroman, derweil sie die Geschichte des wohlhabenden Andrew erzählt, der versucht, die verlorene Liebe seines Lebens, eine Hure, zurückzugewinnen. Es ist aber auch ein historischer Roman und eine Hommage an H. G. Wells, denn Palma verknüpft alle Geschichten mit dem Leben des Autors und es ist natürlich ein Science-Fiction-Roman, weil in allen Erzählsträngen virtuos zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Fäden gesponnen werden. Auch Krimifreunde kommen auf ihre Kosten, denn es gibt Betrüger und Mörder, schrecklich zugerichtete Opfer und einen Inspektor, eng angelehnt an die literarische Figur Sherlock Holmes.

Zwar ist es nicht immer einfach den verwobenen Handlungssträngen zu folgen und vielleicht hätte es dem Buch (768 Seiten) sogar gut getan es etwas zu straffen, aber meine Lesefreude wurde dadurch kein bisschen getrübt. Selten habe ich solch gelungene Finten und kreative Abzweigungen in einem Buch erlebt, ohne dass die Geschlossenheit des Werkes darunter gelitten hätte!

Zwei Dinge sollte der Leser dieses Romans allerdings mitbringen, damit er im Roman versinken kann: Eine romantische Ader (wegen des Schreibstils) und Humor (der hier oft unterschwellig dargeboten wird)! Wer technoide Science-Fiction erwartet oder wer Fakten in schwarz und weiß bevorzugt, der möge lieber die Finger von der Landkarte der Zeit lassen. Für alle anderen lohnt auch ein Blick auf die Homepage des Romans: http://www.die-landkarte-der-zeit.de/

Autor: UR

"Zeit des Zorns"  (2011) 
                      von Don Wislow   

338 spannende Seiten über die amerikanischen und mexikanischen Drogen-Kartelle.

Mein erster "Winslow". Woow! Ein eigensinniger Schreibstil, der mitten im Satz scheinbar endet, weil die nächste Zeile groß beginnt und den unbeendeten Satz fortführt. Zunächst dachte ich, der Schreiber sei etwas Lala oder voll auf Dope, stellte aber bald fest, dass das Ganze einen Sinn ergibt.

Winslows Geschichte handelt vom Krieg zwischen O., Ben und Chon auf der einen und Elena samt großem Team, auf der anderen Seite. Die Typen sind alle irgendwie etwas durchgeknallt. Schänden, morden, köpfen und machen auf Familie. Man muss sich selbst (zumindest sollte man es versuchen) in die Story rein denken - ohne stoned zu sein - interessant und außergewöhnlich erzählt. Nicht langweilig, aber auch nicht Jedermanns Sache. Mir haben Story und Schreibstil gefallen!

Autor: HP

"Angerichtet"  (2011) 
                von Herman Koch  

Die Brüder Paul und Serge verabreden sich zusammen mit Ihren Frauen in einem Sternerestaurant. Ich-Erzähler Paul und Gattin Claire haben nicht wirklich Lust auf dieses Treffen, denn Serge Lohmann ist ein ziemlich bekannter und vor allem selbstverliebter Politiker, der immer wieder gerne im Mittelpunkt steht. Allerdings geht es um ein wichtiges Thema, das unbedingt besprochen werden muss: die Zukunft der Söhne Michel und Rick. Die beiden 15jährigen haben etwas getan, was ihr ganze Zukunft ruinieren kann.

Mit jedem Kapitel, beginnend mit dem Aperitif, wird aus dem anfangs mulmigen und unguten Gefühl pures Entsetzen. Das Drama nimmt von Speisefolge zu Speisefolge ein unglaubliches Tempo auf. Jeder Elternteil will nur das Beste für seinen Sohn, die Konflikte der Brüder entladen sich, das Essen wird immer emotionaler - der Leser ist schockiert und begreift allmählich, was da eigentlich Schreckliches passiert ist. Pauls Gedanken und sein Verhalten weisen Abgründe auf, dass man sich die Frage stellt: wie weit darf Elternliebe gehen?

Ein raffiniert aufgebauter Roman, dessen Zutaten anfangs noch leicht und locker daherkommen und am Ende verdammt schwer im Magen liegen! Lesen!!!!!

"Sommerhaus mit Swimmingpool", der jüngste Roman des Autors Herman Koch, liegt übrigens auch als Rezension (KN) vor ( siehe Buchkritiken 03/12)

Autor: MW

"Nuhr auf Sendung"  (2010) 
         von Dieter Nuhr   

Der Herr Nuhr gilt ja als der Philosoph unter den Kabarettisten. Ich glaube, das kann man auch so stehen lassen.

Nuhr auf Sendung“ erwarb ich nach einer Lesung mit Herrn Nuhr und versuchte anfangs das Buch als Lektüre im Bett zu konsumieren. Das ging aber ordentlich schief, weil, wie der Untertitel schon verrät, das Buch ein Radiotagebuch ist und es zum Ende des Tages vielleicht zu viel verlangt ist, die bissig philosophischen Kurztexte aus 10 jähriger Radiokolumne am Stück zu lesen.

Also wanderte die Lektüre weg vom Bett und wurde von da an zum morgendlichen Begleiter. Und siehe da, die knackig kurzen Statements über Gott und die Welt ließen den Tag nun immer mit einem Schmunzeln beginnen. Empfohlene Dosierung: Nie mehr als 2 bis 3 Geschichten am Tag und schon ist man gewappnet für die unzähligen Tücken des Alltags, die Nuhr in diesem Buch auf’s Korn nimmt. Prädikat „Einfach nu(h)r lächerlich“!

Autor: UR

"Onkel Toms Hütte, Berlin"  (2005) 
                     von Pierre Frei   

Dieser Krimi ist eigentlich keiner, sondern ein Roman. Und einer der sowohl mich (die ich nicht so gerne Krimis lese) als auch meinen Liebsten (der fast nur Krimis liest) absolut begeistert hat. Ich konnte das Buch gar nicht mehr zur Seite legen und eigentlich war es auch toll, dass es mit 544 Seiten ein dicker Schmöker ist.

Die Story ist klar gegliedert. Die Geschichte spielt 1945 nach dem Krieg in Berlin; Namensgeber des Buches ist die U-Bahn-Station Onkel Toms Hütte in Grunwald. In deren Umgebung passieren mehrere Morde an blonden Frauen, die alle etwas mit der amerikanischen Besatzungsmacht zu tun habe. Die Deutschen und die Amis versuchen beide – mit unterschiedlichen Methoden – den Mörder zu finden. Aber die Jagd nach dem Phantom ist nicht das Interessanteste und Hauptsächliche an dem Stück, sondern die Schilderungen der Lebensgeschichten der Frauen bis zu deren Tod – das Ende kennt man ja immer schon. Deren Biografien sind alle vom Krieg geprägt, teilweise auch etwas überdreht; machen aber Lust, sie nachzuvollziehen. Und man erfährt nebenbei eine ganze Menge über das Leben und Überleben in dieser Zeit. Zwischendurch kreuzen sich sogar die Wege der Frauen und man fühlt sich etwas wie in diesen amerikanischen Episodenfilmen à la „Tatsächlich Liebe“. Nur dass das Thema eben weitaus bedrückender und spannender ist. Die jüngere Geschichte unseres Landes und besonders unserer Hauptstadt werden hier sehr lebendig dargestellt. Nur dass alle diese Frauen immer so schnell und oft mit dem erstbesten Mann, den sie trafen, im Bett landeten, fand ich etwas unglaubwürdig. Denn zu dieser Zeit war man doch noch unglaublich prüde.

Auf jeden Fall eine Leseempfehlung; am besten in Verbindung mit einer Reise nach Berlin! Das Buch gibt es auch zum Ausleihen in der Katholischen Bücherei Worringen.

Autor: BG