Leseratte: Buchbesprechungen [März 2010]

"Das zweite Leben des Herrn Roos"  (2009) 
                               von Hakan Nesser  

War das nun wirklich ein Krimi? Die obligatorischen Zutaten sind natürlich vorhanden, aber eigentlich würde ich „Das zweite Leben des Herrn Roos“ eher als eine psychologische Studie oder als Schicksalsroman bezeichnen. Krimifreunde, die die vorherigen Romane des schwedischen Autors gelesen haben, werden sicherlich so einige Probleme mit dem leisen und unspektakulären Roman haben.

Der erste Teil des Buches, es ist in drei Abschnitte gegliedert, ist ein subtiles Psychogramm zweier Menschen an einem Scheideweg. Die eine ist besagter Valdemar Roos, ein sechzigjähriger „Langeweiler“, die andere Anna Gambowska, eine einundzwanzigjährige Drogensüchtige. Valdemar gewinnt in der Lotterie ein großes Vermögen und beschließt eine Abfahrt aus seinem bisherigen Leben zu nehmen, Anna landet in einem Heim für drogensüchtige Mädchen und versucht notgedrungen ebenfalls einen anderen Weg einzuschlagen.

Durch einen Zufall treffen diese beiden vom Leben mit wenig Sonnenschein bedachten Existenzen aufeinander. Aber natürlich ist es nicht einfach, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und so handelt der zweite Teil des Buches von der Konfrontation mit derselbigen. 

Erst in diesem Kapitel des Buches kommt Kommissar Barbarotti ins Spiel und beim Lesen bin ich fast etwas enttäuscht, dass die Oase, die sich die beiden Hauptprotagonisten erschaffen hatten, nun gestört wird. Was sicher daran liegt, dass es H. Nesser gelingt, seine Worte unglaublich empathisch und seine Geschichte damit eindringlich und greifbar zu machen.

Der letzte Abschnitt des Buches zeigt die dramatischen Konsequenzen des Handelns der beiden sich nun auf der Flucht befindlichen Protagonisten. 

Wie eingangs bereits thematisiert, steht in diesem Krimi nicht das Verbrechen oder die Jagd und das Rätselraten nach dem Mörder im Mittelpunkt. Es sind vielmehr die wirklich vortrefflich gezeichneten Charaktere, die diesem dichten atmosphärischen Roman zu etwas Besonderem machen und ihn in meine persönliche Top 20 hieven.

Autor: UR

"Wir müssen über Kevin reden"  (2007) 
                               von Lionel Shriver  

Nicht gerade leichte Kost ist der Roman von Lionel Shriver. Eine Mutter beschreibt aus ihrer Sicht, wie es zum Amoklauf ihres Sohnes kommen konnte. Gerade in Deutschland ist dies ja auch durchaus ein Thema. Der Roman schildert eindrücklich und mit psychologischem Tiefgang, welche Faktoren und Einflüsse dazu führen, dass Jugendliche solche Taten begehen. Man wird richtig reingezogen in die Geschichte, deren Ausgang man ja im Prinzip von vorneherein kennt. Dennoch gelingt es der Autorin, zusätzlich noch einen unerwarteten Schluss zu finden, so dass die Lektüre immer spannend bleibt.
Gerade wenn man selbst Kinder hat, wird man gefesselt und gleichzeitig schockiert sein von den Beschreibungen einer scheinbar heilen Familie, in der sich innerlich so vieles abspielt. Und man wird nachdenklich werden, wenn es darum geht, andere zu beurteilen.

Mein Fazit: Kein leichtes Buch, aber unbedingt lesenswert. Einerseits wegen des Themas und andererseits aufgrund einer packenden, dichten Erzählweise.

Kostenlos ausleihbar in der katholischen öffentlichen Bücherei in Worringen.

Autor: BG

"Die Vampirschwestern - Eine Freundin zum Anbeißen (Band 1)"  (2008) 
                                                                        von Franziska Gehm  

Daka und Silvania sind neu. Neu in der Stadt, neu in einem unbekannten Land, neu in der Schule.

Ein großes Problem für die beiden Halbvampirzwillinge, die von Transylvannien, wo sie ungestört durch die Gegend fliegen konnten und die nächtliche Schule besuchten, nach Deutschland zogen.
Nicht freiwillig, sondern ihrer Mutter zuliebe. Sie bringen nicht nur schlaflose Nächte mit sich, sondern stellen auch noch den Alltag der gesamten Schule auf den Kopf. Schnell wird klar, dass eine neue Freundin her muss. Wie bestellt begegnen sie Helene der hübschen, schlauen Mitschülerin, eine neue Freundschaft ist in Sicht, doch unvorhersehbare Probleme durchkreuzen die Pläne der beiden. Doch was hat Helene zu verbergen und was ist das Geheimnis von dem unheimlichem Nachbar Dirk van Kombast?

Das Buch ist ein bisschen verwirrend wegen der vielen Namen (so erging es mir), doch ist es gut zu lesen, man versetzt sich bildlich in die Situation der beiden und will sofort die kleinen Geheimnisse des Buches herausfinden. Doch dazu müsst ihr es erst lesen! Tipp: Es folgen noch 4 weitere spannende Abenteuer der Zwillinge.

Franziska Gehm wurde 1974 in Sondershausen geboren. Sie studierte Anglistik, Psychologie und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation in Jena, Limerick und Sunderland.
Nach dem Studium unterrichtet sie in Dänemark an einem Gymnasium, arbeitete bei einem Wiener Radiosender und als Kinderbuchlektorin. Sie lebt nun in München als Autorin und Übersetzerin.

Autor: Kira R. (12 Jahre)

"Limit"  (2009) 
         von Frank Schätzing  

Uffz, geschafft! Mehr als 1300 Seiten, über 90 Personen und jede Menge Informationen stecken im neuesten Werk des Kölner Autors Schätzing, der mit „Der Schwarm“ einen Welterfolg feiern durfte.

Ich stehe dem Polit-Öko-ScienceFiction-ActionThriller etwas zwiespältig gegenüber. Einerseits sehr interessant und stellenweise auch durchaus spannend, andererseits vermochte es aber die Geschichte mich nicht wirklich in ihren Bann zu ziehen. Dies liegt sicher daran, dass Schätzing sehr viele Personen in seine Handlung einbaut und meines Erachtens zu wenig Liebe in die Ausarbeitung der Charaktere steckt. 

Irgendwie erinnert mich „Limit“ immer daran als wollte der Autor eine neue Drehbuchvorlage für den nächsten James Bond (allerdings ohne Bond) abliefern. Immer setzt er noch einen drauf und steigert die Story, bis man leider schon voraus ahnt, dass eben dies geschieht und er damit eher das Gegenteil von dem erreicht, was er bei dieser Methodik im Sinn hatte – die Spannung steigern.

Komischerweise zitiert Schätzing in seinem Werk die goldene Regel für alle Kreativen „Weniger ist mehr“, hält sich aber in seinem Roman nicht selber daran. Zweifelsohne sprüht „Limit“ vor kreativen Ideen und äußerst interessanten Informationen über Wirtschaft, Politik und Raumfahrt geradezu über, aber leider leider wirkt es in der Gesamtheit dadurch als wolle er unbedingt alles und am besten noch mehr.

Die Geschichte, in der es um die Raumfahrt und die Rohstoffausbeutung des Mondes geht, streift nebenher die Themen Industriespionage, Umweltpolitik, Kinderpornographie, Politik (Afrika und China) und IT-Technologie, dazu noch eine kleine Romanze, rasante Verfolgungsjagden und einen eiskalten Killer. Hauptprotagonist ist Owen Jericho, ein Cyber-Detektiv, der den folgenschweren Auftrag erhält, die verschwundene chinesische Dissidentin Yoyo zu finden. Dabei stößt er auf eine Verschwörung und mutiert von Seite zu Seite zum Superhero, der die Welt rettet.

Fazit: Für Bondliebhaber und Action-Freunde ein Fest, für Menschen, die es lieben in Büchern zu versinken, zu flach und zu ausufernd. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dass Schätzing schon beim Schreiben auf das große Geld des großen Kinos schielt. Schade. Ich persönlich würde mich freuen, wenn der Autor bei seinem nächsten Werk mehr auf das Literarische fokussiert und das Triviale dahinter anstellt.

Übrigens den Schwarm und auch das Buch zum Schwarm fand ich sehr gut, Bondfilme (ausgenommen „Ein Quantum Trost“) mag ich nicht besonders und auch das Triviale hat seine Berechtigung ;-)

Autor: UR

"Choral am Ende der Reise"  (1990) 
                               von Erik Fosnes Hansen  

Was sind schon Bücher über den Untergang der Titanic geschrieben worden! Nicht zu vergessen auch der preisgekrönte Film von "Avatar" Regisseur James Cameron mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet.
Vor kurzem ist mir dann dieses Buch wieder in die Hände gefallen. Ich hab's vor knapp 15 Jahren gelesen und nun hat bei mir erneut die Leselust zugeschlagen.

In Hansens Roman gibt es allerdings keine Liebesgeschichte und auch die Katastrophe um den modernsten und größten Passagierdampfer seiner Zeit wird nur am Rande beschrieben. Hier werden die letzten Tage der Mitglieder des Schiffsorchesters erzählt. Deren Lebensläufe sind frei erfunden und jedem ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Aber der Reihe nach:
Am 10.4.1912 gehen gemeinsam mit etwa 2000 Passagieren auch 7 Musiker an Bord der als unsinkbar geltenden Titanic. Ziel der Jungfernfahrt ist New York. In den 5 Tagen, die den Orchestermitgliedern noch an Bord bleiben, erfährt der Leser ihre Lebensgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein können. Gemeinsam ist allen ein gescheitertes Leben und die damit verbundene Flucht vor der Vergangenheit.
Z.B. Kapellmeister Jason Coward aus London, Sohn eines Arztes. Seine Eltern sind verstorben und seine schwangere Freundin hat sich umgebracht. Der 18jährige Wiener David ist jüdischer Abstammung und wurde von seiner Freundin verlassen. In Briefen und Gesprächen berichten die Musiker über ihre Schicksale, ihre Ängste und ihre Verzweiflung. Der Traum von einem besseren Leben liegt in NY, dem Ziel der Titanic. Ihre Aufgabe erfüllen sie bis zum tragischen Schluss: als der Dampfer schon zu sinken beginnt, spielt das Orchester in Rettungswesten weiter, um eine Massenpanik zu verhindern.

Von Anfang an weiß man, was mit dem damals größten Luxusschiff und seiner Besatzung passieren wird. Wenn die Zukunftspläne und Träume der Orchestermitglieder beschrieben werden, ist dem Leser schon bewusst, dass all dies keine Zukunft haben wird. Das macht das Buch sowohl spannend als auch melancholisch. Interessant ist aber auch das Nachwort des Autors mit dem Hinweis auf die Namen und Schicksale der tatsächlichen Orchestermitglieder. E.F.Hansen bekam für diesen Roman zu Recht den norwegischen Literaturpreis.

Autor: MW

"Zweite Mannschaft"  (2009) 
         von Volker Keidel  

Herr Keidel, der Autor, ist Franke. Er lebt in München. Er liebt diesen hanseatischen Fußballverein mit der komischen Raute. Und trotzdem ist er unglaublich lustig!

Und das beweist er schon auf der Rückseite des Buches mit folgenden Zitaten:

„Mein Buch des Jahres!“ (Der Autor)

„Meins auch.“ (Seine Frau)

„So schlecht wie Keidel früher Fußball gespielt hat, hätte ich nie gedacht, dass er überhaupt etwas kann. Und jetzt dieses Buch auf Champions-League-Niveau.“
(Bernd Hollerbach*) *Ex-Profifußballer, der in seinen Anfängen mit Keidel kickte

Dieses Buch ist für alle, die Fußball lieben, für alle fanatischen Fans, für alle, die unter fanatischen Ehemännern leiden und für Leute die gerne lauthals beim Lesen eines Buches auflachen.

Keidel erzählt von seinem ersten HSV-Trikot, von Fußballern-die-man-wie-die-Pest hasst, von einer schlimmen Unterart des Fußballs (dem Damenfußball), vom Traum Nationalspieler zu werden und vom Millionengewinn. Eigentlich gibt es an dem 100 Seiten starken Büchlein, welches man nur über die Webseite des Autors www.urgestein-shop.de  bestellen kann, nix aber auch gar nix auszusetzen, außer dass es viel zu kurz ist! Lieber Herr Keidel, wieso gönnen Sie uns Lachkrämpfe nur für einen Tag! Für Ihr drittes Werk orientieren Sie sich bitte mal am Umfang von Schätzings Büchern.

Autor: UR