Ohrwurm: Rezensionen [März 2010]

 One Life Stand 
         von Hot Chip 

Kategorie:  Dancefloor / Pop / SynthiPop / RNB
Land: Großbritannien
Label: EMI
Veröffentlichung: 29.01.2010
Tracks: 10

Wertung*: -

Gewagt, gewagt! So nahe am Kitsch bauen können eigentlich nur die Pet Shop Boys. Können diesen Spagat die fünf Londoner Verrückten von Hot Chip auch? Bisher geizten Hot Chip auf ihren Vorgängeralben nicht mit elektronischen Frickeleien und verschrobenen Texten, weswegen in der Musikpresse die Band  den Stempel "Nerds!" verpasst bekam. Aber auf dem neuen Werk "One Life Stand" ist alles viel luftiger und virtuos vom Popgeist durchzogen und mit einer Prise RNB versehen. 

Das Problem der Platte ist, dass sie sich sehr leicht als im Hintergrund konsumierbar erweist, was sehr sehr schade ist, den am Besten erschließt sich dieses detailverliebte Meisterwerk mit Kopfhörern und "echtem Zuhören". Probieren Sie es aus und hören Sie "One Life Stand" noch mal und noch mal und Sie werden stauen wie die anfängliche Beliebigkeit weicht und Nachhaltigkeit entsteht. 

Die erste Single und vorab Veröffentlichung "One Life Stand" beginnt wie eines von 10000 Discostücken mutiert dann aber zum unaufgeregten Popsong mit Ohrwurmcharakter. Dies liegt zum einen an Sänger Alexis Taylor und zum anderem am genial die Dinge auf dem Kopf stellenden Text: "I only wanna be your one life stand, tell me do you stand by your man?" Sehr elegant und für die Trancefreunde der Großraumdisco geeignet ist "I feel better". Erinnert ein bisschen an die großen Discoklassiker von Faithless. Ganz anders, aber auch aufregend anders ist "Hand me down your Love". Eigentlich nur ein 3-Takt-Beat der nur im Refrain kurz unterbrochen wird, dazu eine tolle Melodie, weinende Geigen und piepsendes Keyboard. Schön, schön. Der Song der mir aber seit 3 Tagen in den Gehörgänge klebt ist "Thieves in der Night" wo die Jungs ein bisschen mit "Fade to Grey" anleihen (Wer kennt noch Visage?) spielen ... so schön kann Kitsch sein!

Autor: UR

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Artverwandtes für Neugierige: 
+ Pet Shop Boys / Nightlife (1999)
+ Faithless / Reverence (1996)
+ Prince / Lovesexy (1988)
+ Stevie Wonder / Signed, Sealed, and Delivered (1970)

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 Acolyte 
       von Delphic 

Kategorie:  BritPop / BritRave / Madchester / NuRave
Land: Großbritannien
Label: Cooperative Music
Veröffentlichung: 29.02010
Tracks: 10

Wertung*:

Manchmal glaube ich man muss einfach nur in Manchester geboren werden um ein großer in der Popmusik zu werden. Liegt es an der Luft? Am Wetter? Keine Ahnung, aber es ist einfach unglaublich welch qualitativen Output diese Stadt im Nordwesten von England hervorbringt. Das Debüt "Acolyte" der dreiköpfigen Truppe um Sänger und Bassist Rick Boardman ist unglaublich ausgereift und Stil sicher. Vielleicht haben sich die Herren bei ihrer Support-Tour mit Bloc Party ja einiges abgeschaut.

Delphic konzentrieren sich übrigens nicht nur auf die Musik, sondern auch auf die Verbindung derer mit visuellen Möglichkeiten, ein exquisites gelungenes Beispiel ist der Clip zu "This Momentary", der auch bereits für die UK Music Video Awards nominiert wurde. Das soll aber nicht bedeuten, dass die Musik nicht für sich alleine bestehen kann! Beim ersten Hören klingen die Songs noch etwas austauschbar (liegt vielleicht auch an den manchmal etwas zu harmonischen Vocals), aber dieser Eindruck verfliegt ganz schnell wenn man dem Album etwas Zeit gibt und die großartigen Melodien unter den flächigen Keyboardsounds zu Tage treten. In erster Linie funktioniert
"Acolyte" aber natürlich über das Tanzbein und bei erhöhter Lautstärke. They call it NuRave! 

Die Highlights sind das hypnotische "This Momentary", das fast instrumentale "Acolyte"- welches beim Rave sicher genauso gut funktioniert wie "Insomnia" von Faithless -, die SyntiPop-Perlchen "Doubt" und "Counterpoint" (New Oder lassen grüßen) und der Ohrenkleber "Red Lights".

Autor: UR

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Artverwandtes für Neugierige: 
+ Bloc Party / A Weekend in the City (2007)
+ The Rapture / Echoes (2003)
+ New Order / Get Ready (2001)
+ Inspiral Carpets / Revenge of the Goldfish (1992)
+ Happy Mondays / Hallelujah (1989)

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 Heligoland 
   von Massiv Attack 

Kategorie:  TripHop / Downbeat / Dub
Land: Großbritannien
Label: Virgin
Veröffentlichung: 05.02.2010
Tracks: 10

Wertung*:


Haben es die Erfinder des TripHop noch drauf? Das 2003er Album "100th Windows" war eher Durchschnittsware und konnte mit den legendären Vorgängern (Blue Lines 1991, Protection 1994, Mezzanine 1998) nicht mithalten. Für das neue Album hat man sich äußerst prominente und kompetente Gäste für die Vocals ausgesucht. Mit dabei sind u. a. Tunde Adebimpe (TV on the Radio), Martina Topley (Sängerin auf Trickys "Maxinquaye"), Guy Garvey (Elbow), Horace Andy (jamaikanische Reggae-Legende) und Damon Albarn (Blur, Gorillaz). Aber es wäre ja nicht das erste Mal wenn eine illustre Gästeschar über mangelnde Qualität hinwegtäuschen sollte ... ABER ... keine Sorge bei "Heligoland" ist dies definitiv nicht der Fall.

Massive Attack befreien sich aus der Selbstretrofizierung und klingen frisch wie lange nicht mehr. Vorbei die Zeiten mangelnder Kreativität - das Empire schlägt zurück und alle TripHop-Epigonen müssen sich warm anziehen. "Pray for Rain" feat. Tunde Adebimpe ist düster, melancholisch und atmosphärisch unglaublich dicht und türmrt sich von Sekunde zu Sekunde auf um wieder in sich zu zerfallen und neu zu entstehen. "Girl I love you"  feat. Horace Andy ist böse bedrohlich und mit Bombastbläsern wunderbar akzentuiert, der ideale Soundtrack für eine wilde Amokfahrt durch die rabenschwarze Nacht (Das Remix ist etwas "freundlicher" ;-). "Flat of the Blade" partizipiert elektronisches Geblubber zur ausdrucksstarken Stimme von Elbow-Sänger Guy Garvey. Falls die Tracklist für Twilight 3 - Eclipse nocht nicht steht sollten die Macher diesen Song dafür unbedingt ins Auge fassen. 

Als großer Verehrer von Damon Albarn war ich natürlich sehr gespannt was diese Zusammenarbeit für Früchte hervorbringen würde. Der Song "Saturday Come Slow" ist gut, aber irgendwie eher ein neuer Blur-Song als ein Song von Massive Attack, da hat sich der Meister dann doch zu sehr in den Vordergrund gedrängt. Getreu dem Motto "Das Beste kommt zum Schluss" endet das Album mit dem 7:41 Minuten langen Track "Atlas Air". Rauchig, unterschwellig brodelnd - Bristol Beats at it's Best.

Autor: UR

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Artverwandtes für Neugierige: 
+ Tricky /
+ Radiohead

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 Schall und Wahn 
           von Tocotronic 

Kategorie:  NeuDeutsch / Alternative / IndieRock
Land: Deutschland
Label: Vertigo 
Veröffentlichung: 22.01.2010
Tracks: 12

Wertung*:

Da sind Sie wieder die Herren aus Hamburg die irgendwie IMMER Alles richtig machen. Album Nummer 9 ist wie ALLE Alben davor: Herausragend in Text und Musik - nur Distelmeyer und Element of Crime spielen in der gleichen Liga. Musikalisch sind die Tocos etwas sanfter und virtuoser geworden, was sie aber spielend leicht mit der Bissigkeit ihrer Texte ausgleichen. Gleich der erste Song "Eure Liebe tötet mich" grungt 8 Minuten und 5 Sekunden lang, dass meine meinen könnte Dirk wäre in Seattle ;-). Dann wird noch ne Schippe Gitarren draufgeladen und punkig "Ein Leiser Hauch von Terror" um die Ohren geweht. "Die Folter endet nie" gehört mit dem nachfolgenden "Das Blut an meinen Händen" zu den ruhigeren Stücken, bei letzterem gelingt es Tocotronic sogar Geigen ohne Kitsch und Pathos einfließen zu lassen.

Ganz Wunderbar ist das ironisch, lakonische "Mach es nicht selbst" mit der krönenden Textpassage: "Was du auch machst - Mach es nicht selbst - auch wenn du dir darin gefällst - Wer zuviel selber macht der macht sich krumm (Ausgenommen Selbstauslöschung)". Bei "Bitte Oszillieren Sie" fungiert ein treibender Polkabeat dazu die Aufforderung zu schwingen und den Zustand zu ändern voranzutreiben. Der dem Album dem Namen gebende Track "Schall und Rauch" ist ein ganz Großer, ein musikalischer Flieger, ein Textlauscher, der es sicher auf die nächste Best of ..." spielend schaffen wird. Anschließend wird wieder die beste Sloganmaschine der Republik angeworfen. Nach "Pure Vernunft darf niemals siegen" nun "Im Zweifel für den Zweifel"! Groß! Mit aller Gewalt stürmen die Tocos dass das
Schloss und jagen DSDS vom Hof! Schön wärs ;-). In "Gesang des Tyrannen" schlüpf Dirk dann in die Haut von Graf Schizo und beschwört Alles fressende Flammen "In mir brennt das Ewige Feuer - kalt -modern und teuer - in mir strahlt das Ewige Licht - doch dahinter gibt es Nichts". Als Ausklang wird dann wieder mehr als 8 Minuten sanft ein "Gift" verabreicht - ohne Gnade.

Mit "Keine Meisterwerke mehr" zerstören mir die Herren Lowtzow, Müller, Zank und McPail meine Bewertung. Verdammt kein Meisterwerk! Aber es ist doch ... aber wer wagt es schon Tocotronic zu widersprechen? Welche Synonyme für "Meisterwerk" gibt es eigentlich? Gipfelpunkt, Spitze, Spitzenklasse, Prachtstück, Krönung, Höhepunkt, Vollendung, Perle, Schaustück, Kabinettstück, Glanzleistung, Spitzenleistung, Beste, Prachtmensch, Gipfel, Meisterleistung, Höchstleistung, Prachtexemplar, Kunststück, Prachtstück, Glanzpunkt, Sternstunde, Optimum, Prunkstück ;-)

Autor: UR

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+ Alle Texte von Tocotronic
 

Artverwandtes für Neugierige: 
+ Jochen Distelmeyer / Heavy (2009)
+ Flowerpornoes / Wie oft musst Du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut? (2007)
+ Svevo / Eher uncool (1995)
+ Cpt. Kirk & / Reformhölle (1992)

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 Of the Blue Colour of the Sky 
                                   von OK Go 

Kategorie:  Alternative / IndieRock / IndieFunk / BritPop
Land: USA
Label: Megaphon 
Veröffentlichung: 12.01.2010
Tracks: 12

Wertung*:

Wer die Band aus Chicago hört mag kaum glauben dass es sich hier um Amerikaner und nicht um Briten handelt - unglaublich aber wahr. Der Name der Band sagt den Meisten bestimmt nichts, aber immerhin 50 Millionen haben sich den legendären Laufband-Clip zum Song "Here it goes again" vom Vorgänger-Album angesehen. "Of the Blue Colour of the Sky" ist der dritte reguläre Longplayer des Quartetts, welches sich nach eigenen Aussagen musikalisch an T. Rex und Cheap Trick orientiert. Na wenn das nicht gleich mal 'nen schrägen Eindruck verschafft. Aber keine Angst ich würde diese Aussage in erster Linie auf die Vokalakrobatik von Sänger Damian Kulash beziehen - die ist nämlich stellenweise ganz schön schräg und Marc Bolan hätte bestimmt seine Freude daran. Leicht zugänglich ist das Album nicht. Die vielschichtigen Arrangements brauchen Zeit, ganz ähnlich wie "Oracular Spectacular" von MGMT, um zu wirken.

1. WTF? Düster, knarzig, aber auch funky und dann wieder rockig - auf jeden Fall eine schräge Mischung!
2. This Too Shall Pass Überbordendes Popgebilde.
3. All Is Not Lost Zuckersüße Melodie mit Glöckchen.
4. Needing/Getting Schöner Schrammel-Indie-Pop mit Coldplay-Keyboars.
5. Skyscrapers Midtempo Ballade auf der Sänger Damain Kulash sein ganzes Können zeigt

6. White Knuckles Zappelig, funky - klingt wie ein verschollener Prince-Song der im Jam endet.
7. I Want You So Bad I Can't Breathe Ruhiger melancholischer Track mit knackiger Hookline.
8. End Love Schon wieder ein gelungenes Prince-Double.
9. Before The Earth Was Round ElektroPop a la Air! Mein momentaner Favorit!
10. Last Leaf Stecker raus! Klampfe und Gesang - ganz pur.
11. Back From Kathmandu Falls die Beatles noch könnten, dann vielleicht so.
12. While You Were Asleep Mystisch und irgendwie tja ... äääh ... klerikal - wie das wohl im Kölner Dom klänge. Toll!
13. In The Glass Bombastisches, spacig angehauchtes Finale.

 

Autor: UR

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Artverwandtes für Neugierige: 
+ MGMT / Oracular Spectacular (2008)
+ Cheap Trick / Lap of Luxury (1988)
+ T. Rex / Electric Warrior (1971)

OK Go - This Too Shall Pass from OK Go on Vimeo.

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*Wertung: = Müll ; = lausig; = geht so; = wirklich gut; = Exzellent; = Meisterwerk!