Gewagt, gewagt! So nahe am Kitsch bauen können
eigentlich nur die Pet Shop Boys. Können diesen Spagat die fünf
Londoner Verrückten von Hot Chip auch? Bisher geizten Hot Chip auf
ihren Vorgängeralben nicht mit elektronischen Frickeleien und
verschrobenen Texten, weswegen in der Musikpresse die Band den
Stempel "Nerds!" verpasst bekam. Aber auf dem neuen Werk "One Life
Stand" ist alles viel luftiger und virtuos vom Popgeist
durchzogen und mit einer Prise RNB versehen.
Das Problem der Platte ist, dass sie sich sehr leicht als im Hintergrund
konsumierbar erweist, was sehr sehr schade ist, den am Besten
erschließt sich dieses detailverliebte Meisterwerk mit Kopfhörern und
"echtem Zuhören". Probieren Sie es aus und hören Sie "One
Life Stand" noch mal und noch mal und Sie werden stauen wie die
anfängliche Beliebigkeit weicht und Nachhaltigkeit entsteht.
Die erste Single und vorab Veröffentlichung
"One Life Stand" beginnt wie eines von 10000 Discostücken
mutiert dann aber zum unaufgeregten Popsong mit Ohrwurmcharakter. Dies
liegt zum einen an Sänger Alexis Taylor und zum anderem am genial die
Dinge auf dem Kopf stellenden Text: "I only wanna be your one
life stand, tell me do you stand by your man?" Sehr
elegant und für die Trancefreunde der Großraumdisco geeignet ist
"I feel better". Erinnert ein bisschen an die großen
Discoklassiker von Faithless. Ganz anders, aber auch aufregend
anders ist "Hand me down your Love". Eigentlich nur ein
3-Takt-Beat der nur im Refrain kurz unterbrochen wird, dazu eine tolle
Melodie, weinende Geigen und piepsendes Keyboard. Schön, schön. Der
Song der mir aber seit 3 Tagen in den Gehörgänge klebt ist "Thieves
in der Night" wo die Jungs ein bisschen mit "Fade to
Grey" anleihen (Wer kennt noch Visage?) spielen ... so
schön kann Kitsch sein!
Manchmal glaube ich man muss einfach nur in
Manchester geboren werden um ein großer in der Popmusik zu werden.
Liegt es an der Luft? Am Wetter? Keine Ahnung, aber es ist einfach
unglaublich welch qualitativen Output diese Stadt im Nordwesten von
England hervorbringt. Das Debüt "Acolyte" der dreiköpfigen
Truppe um Sänger und Bassist Rick Boardman ist unglaublich ausgereift
und Stil sicher. Vielleicht haben sich die Herren bei ihrer Support-Tour
mit Bloc Party ja einiges abgeschaut.
Delphic konzentrieren sich übrigens nicht nur auf die Musik, sondern
auch auf die Verbindung derer mit visuellen Möglichkeiten, ein
exquisites gelungenes Beispiel ist der Clip zu "This
Momentary", der auch bereits für die UK Music Video Awards
nominiert wurde. Das soll aber nicht bedeuten, dass die Musik nicht für
sich alleine bestehen kann! Beim ersten Hören klingen die Songs noch
etwas austauschbar (liegt vielleicht auch an den manchmal etwas zu
harmonischen Vocals), aber dieser Eindruck verfliegt ganz schnell wenn
man dem Album etwas Zeit gibt und die großartigen Melodien unter den
flächigen Keyboardsounds zu Tage treten. In erster Linie funktioniert "Acolyte"
aber natürlich über das Tanzbein und bei erhöhter Lautstärke. They
call it NuRave!
Die Highlights sind das hypnotische "This Momentary",
das fast instrumentale "Acolyte"- welches beim Rave
sicher genauso gut funktioniert wie "Insomnia" von Faithless
-, die SyntiPop-Perlchen "Doubt" und "Counterpoint"
(New Oder lassen grüßen) und der Ohrenkleber "Red
Lights".
Artverwandtes für Neugierige:
+ Bloc Party / A Weekend in the City (2007)
+ The Rapture / Echoes (2003)
+ New Order / Get Ready (2001)
+ Inspiral Carpets / Revenge of the Goldfish (1992)
+ Happy Mondays / Hallelujah (1989)
Haben es die Erfinder des TripHop noch drauf?
Das 2003er Album "100th Windows" war eher Durchschnittsware
und konnte mit den legendären Vorgängern (Blue Lines 1991, Protection
1994, Mezzanine 1998) nicht mithalten. Für das neue Album hat man sich äußerst
prominente und kompetente Gäste für die Vocals ausgesucht. Mit dabei
sind u. a. Tunde Adebimpe (TV on the Radio), Martina Topley (Sängerin
auf Trickys "Maxinquaye"), Guy Garvey (Elbow), Horace Andy
(jamaikanische Reggae-Legende) und Damon Albarn (Blur, Gorillaz). Aber
es wäre ja nicht das erste Mal wenn eine illustre Gästeschar über
mangelnde Qualität hinwegtäuschen sollte ... ABER ... keine Sorge bei
"Heligoland" ist dies definitiv nicht der Fall.
Massive Attack befreien sich aus der Selbstretrofizierung und klingen
frisch wie lange nicht mehr. Vorbei die Zeiten mangelnder Kreativität -
das Empire schlägt zurück und alle TripHop-Epigonen müssen sich warm
anziehen. "Pray for Rain" feat. Tunde Adebimpe ist düster,
melancholisch und atmosphärisch unglaublich dicht und türmrt sich von
Sekunde zu Sekunde auf um wieder in sich zu zerfallen und neu zu
entstehen. "Girl I love you" feat. Horace Andy ist böse
bedrohlich und mit Bombastbläsern wunderbar akzentuiert, der ideale
Soundtrack für eine wilde Amokfahrt durch die rabenschwarze Nacht (Das
Remix ist etwas "freundlicher" ;-).
"Flat of the Blade" partizipiert elektronisches Geblubber zur
ausdrucksstarken Stimme von Elbow-Sänger Guy Garvey. Falls die
Tracklist für Twilight 3 - Eclipse nocht nicht steht sollten die Macher
diesen Song dafür unbedingt ins Auge fassen.
Als großer Verehrer von Damon Albarn war ich natürlich sehr gespannt
was diese Zusammenarbeit für Früchte hervorbringen würde. Der Song
"Saturday Come Slow" ist gut, aber irgendwie eher ein neuer
Blur-Song als ein Song von Massive Attack, da hat sich der Meister dann
doch zu sehr in den Vordergrund gedrängt. Getreu dem Motto "Das
Beste kommt zum Schluss" endet das Album mit dem 7:41 Minuten
langen Track "Atlas Air". Rauchig, unterschwellig brodelnd -
Bristol Beats at it's Best.
Da sind Sie wieder die Herren aus Hamburg die
irgendwie IMMER Alles richtig machen. Album Nummer 9 ist wie ALLE Alben
davor: Herausragend in Text und Musik - nur Distelmeyer und Element
of Crime spielen in der gleichen Liga. Musikalisch sind die Tocos
etwas sanfter und virtuoser geworden, was sie aber spielend leicht mit
der Bissigkeit ihrer Texte ausgleichen. Gleich der erste Song "Eure
Liebe tötet mich" grungt 8 Minuten und 5 Sekunden lang, dass
meine meinen könnte Dirk wäre in Seattle ;-). Dann wird noch ne
Schippe Gitarren draufgeladen und punkig "Ein Leiser Hauch von
Terror" um die Ohren geweht. "Die Folter endet nie"
gehört mit dem nachfolgenden "Das Blut an meinen Händen"
zu den ruhigeren Stücken, bei letzterem gelingt es Tocotronic sogar
Geigen ohne Kitsch und Pathos einfließen zu lassen.
Ganz Wunderbar ist das ironisch, lakonische "Mach es nicht
selbst" mit der krönenden Textpassage: "Was du auch
machst - Mach es nicht selbst - auch wenn du dir darin gefällst - Wer
zuviel selber macht der macht sich krumm (Ausgenommen
Selbstauslöschung)". Bei "Bitte Oszillieren Sie"
fungiert ein treibender Polkabeat dazu die Aufforderung zu schwingen und
den Zustand zu ändern voranzutreiben. Der dem Album dem Namen gebende
Track "Schall und Rauch" ist ein ganz Großer, ein
musikalischer Flieger, ein Textlauscher, der es sicher auf die nächste
Best of ..." spielend schaffen wird. Anschließend wird wieder die
beste Sloganmaschine der Republik angeworfen. Nach "Pure
Vernunft darf niemals siegen" nun "Im Zweifel für den
Zweifel"! Groß! Mit aller Gewalt stürmen die Tocos
dass das Schloss und
jagen DSDS vom Hof! Schön wärs ;-). In "Gesang des
Tyrannen" schlüpf Dirk dann in die Haut von Graf Schizo
und beschwört Alles fressende Flammen "In mir brennt das Ewige
Feuer - kalt -modern und teuer - in mir strahlt das Ewige Licht - doch
dahinter gibt es Nichts". Als Ausklang wird dann wieder mehr
als 8 Minuten sanft ein "Gift" verabreicht - ohne
Gnade.
Mit "Keine Meisterwerke mehr"
zerstören mir die Herren Lowtzow, Müller, Zank und McPail meine
Bewertung. Verdammt kein Meisterwerk! Aber es ist doch ... aber wer
wagt es schon Tocotronic zu widersprechen? Welche Synonyme für
"Meisterwerk" gibt es eigentlich? Gipfelpunkt, Spitze, Spitzenklasse, Prachtstück, Krönung, Höhepunkt, Vollendung, Perle, Schaustück, Kabinettstück, Glanzleistung, Spitzenleistung, Beste, Prachtmensch, Gipfel, Meisterleistung, Höchstleistung, Prachtexemplar, Kunststück, Prachtstück, Glanzpunkt, Sternstunde, Optimum, Prunkstück
;-)
Artverwandtes für Neugierige:
+ Jochen Distelmeyer / Heavy (2009)
+ Flowerpornoes / Wie oft musst Du vor die Wand laufen bis der Himmel sich auftut? (2007)
+ Svevo / Eher uncool (1995)
+ Cpt. Kirk & / Reformhölle (1992)
Wer die Band
aus Chicago hört mag kaum glauben dass es sich hier um Amerikaner und
nicht um Briten handelt - unglaublich aber wahr. Der Name der Band sagt
den Meisten bestimmt nichts, aber immerhin 50 Millionen haben sich den
legendären Laufband-Clip zum Song "Here
it goes again" vom Vorgänger-Album angesehen. "Of the
Blue Colour of the Sky" ist der dritte reguläre Longplayer des
Quartetts, welches sich nach eigenen Aussagen musikalisch an T. Rex und
Cheap Trick orientiert. Na wenn das nicht gleich mal 'nen schrägen
Eindruck verschafft. Aber keine Angst ich würde diese Aussage in erster
Linie auf die Vokalakrobatik von Sänger Damian Kulash beziehen - die
ist nämlich stellenweise ganz schön schräg und Marc Bolan hätte
bestimmt seine Freude daran. Leicht zugänglich ist das Album nicht. Die
vielschichtigen Arrangements brauchen Zeit, ganz ähnlich wie "Oracular Spectacular"
von MGMT, um zu wirken.
1. WTF? → Düster,
knarzig, aber auch funky und dann wieder rockig - auf jeden Fall eine
schräge Mischung!
2. This Too Shall Pass → Überbordendes
Popgebilde.
3. All Is Not Lost → Zuckersüße
Melodie mit Glöckchen.
4. Needing/Getting → Schöner
Schrammel-Indie-Pop mit Coldplay-Keyboars.
5. Skyscrapers → Midtempo
Ballade auf der Sänger Damain Kulash sein ganzes Können zeigt
6. White Knuckles → Zappelig,
funky - klingt wie ein verschollener Prince-Song der im Jam
endet.
7. I Want You So Bad I Can't Breathe →
Ruhiger melancholischer Track mit knackiger Hookline.
8. End Love → Schon
wieder ein gelungenes Prince-Double.
9. Before The Earth Was Round →
ElektroPop a la Air! Mein momentaner Favorit!
10. Last Leaf → Stecker
raus! Klampfe und Gesang - ganz pur.
11. Back From Kathmandu → Falls
die Beatles noch könnten, dann vielleicht so.
12. While You Were Asleep → Mystisch
und irgendwie tja ... äääh ... klerikal - wie das wohl im Kölner Dom
klänge. Toll!
13. In The Glass → Bombastisches,
spacig angehauchtes Finale.